Der sterbende Held

Der alte Held lag auf dem Totenbett. Ihm umgebend standen seine Familie und Freunde. Nur ein Kerze auf dem Nachtisch neben dem Bett spendete Licht. Dieses Licht ließ das schon eingefallene, fast skelettartige Gesicht des Helden noch schrecklicher aussehen, als es eh schon war. Vom geöffneten Fenster kam der Ruf einer Eule in der Nacht.

Mit dem letzten Funken Kraft den der Held noch hatte, wendete er sich zu seinen Besuchern: “Nun ist es also so weit. Ich der größte aller Helden, der Vernichter von Königreichen, der Schlächter von Drachen, der Retter von Jungfrauen und Bezwinger von Göttern, liege im Sterben.”

“Es ist nicht gerecht, dass du stirbst, mein Mann.”, sagte eine wunderschöne, schwarzhaarige Frau neben ihm auf einen Stuhl sitzend.

Der Held lächelte, wobei sein Lächeln eher wie das Grinsen des Sensenmannes aussah, als ein wirkliches beruhigendes Lächeln. Er erwiderte: “Ich lebte fast ein Jahrhundert. Ich hatte ein erfülltes Leben und all das, was man sich nur wünschen konnte. Ist das nicht gerecht?”

“Aber andere haben den Tot soviel mehr verdient als du. Tyrannen leben noch weiter, Monster töten immer noch und Götter spielen nach wie vor ihre Spielchen mit den Sterblichen, während du stirbst.”, schluchzte seine Frau und vergrub ihr Gesicht in ihren Händen.

Wieder lächelte er und benutze die letzte Kraft, die ihm noch blieb, um seine Hand zu heben und ihr über den Kopf zu streicheln. Er sprach ernst zu ihr: “Und Andere lebten nicht mal ein Jahr. Ich hatte Zeit mich zu beweisen, Andere nicht. Ich konnte kämpfen. Ich hatte Glück, wo andere keins hatten. Erkennst du denn nicht: es existiert keine Gerechtigkeit auf dieser Welt. Es gibt nur den Tod. Das einzige was wir machen können, ist zu mindestens die Illusion der Gerechtigkeit in diese Welt hinaus zu tragen, dafür zu sorgen, dass Tyrannen sterben, Monster vernichtet werden und Götter zugrunde gehen.

Ich habe meinen Teil getan, auf meine Weise. Die nächste Generation soll ihren Teil auf ihre Weise tun, denn letzten Endes braucht diese Welt immer Helden. Sie braucht Menschen die außergewöhnliche Dinge tun, fernab jeglicher Belohnung und Ruhm, Menschen, die die Konsequenzen nicht scheuen und bereit sind ihr Leben für die Sache zu opfern.”

Das waren die letzten Worte des Helden. Er schloss die Augen und kehrte niemals wieder in diese Welt zurück.

Wörter: 386

PS: Testweise veröffentlicht mit Windows Live Writer.

Lesung
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