Endlich Frei

Er war frei. Er konnte es nicht fassen, nach all der langen Arbeit, des Schuftens und der Demütigungen war er endlich frei. Er konnte fliehen, weg vom Hof, weg von den Feldern und auch weg von seiner unerbittlichen Herrin in den nahegelegenen Wald.

Doch wo sollte er hin? Was sollte er mit seiner neu gewonnenen Freiheit denn jetzt anfangen? Und das wichtigste: Wo sollte er schlafen? Wo kriegt er sein Essen her? Und wie sollte er überleben?

Sicher auf dem Hof musste er Schläge hinnehmen, Erniedrigungen und teilweise auch Vergewaltigungen, aber war das Leben draußen in Freiheit wirklich so viel besser, als in Gefangenschaft?

Hier musste er selber Verantwortung übernehmen, sich selber sein Essen suchen und selber um eine Bleibe kümmern. Hier musste er evtl. noch mehr Arbeiten, als zu Hause.

Er blickte sich unschlüssig im Wald um. Bald schon würde die Nacht hereinbrechen und dann würden die wilden Tieren kommen, denen er schutzlos ausgesetzt wäre. Und was ist, wenn die Räuber kommen? Würden sie ihm am Leben lassen, wenn sie merken, dass er kein Geld hat?

Eigentlich war seine früheres Leben ja gar nicht so schlecht. Immerhin hat man ihn vor der Willkür anderer Menschen und den Gefahren der Natur beschützt und er musste nur einen geringen Preis dafür zahlen.

Er drehte sich um und lief wieder Richtung Hof. Freiheit wird überschätzt.

Wörter: 223

Lesung
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