Opfer

Sein Herz blutete, als er mit ihr sprach, aber er musste es tun, denn nur so konnte er ihr viel Trauer ersparen.

Vor nicht mal drei Monaten hatten sie zueinander gefunden. Er, der er so viele Probleme hatte und sie, die wohl schönste Frau der Welt.

Von Anfang an hatte er sich nicht allzu viel Hoffnung gemacht, dass die Beziehung mit ihr wirklich von Erfolg gekrönt würde. Schon alleine die örtliche Distanz machte es für die Beiden schwierig sich zu sehn, vom Sex ganz zu schweigen. Dazu kam, dass er beruflich in seinem Wohnort zu tun hatte und sie wegen ihrem Sohn in ihren Heimatort bleiben musste. Deswegen glaubte er nicht, dass die Liaison lange halten würde. Er sollte Recht behalten.

Durch einen Berufswechsel und sein ehrenamtliches Engagement war er gezwungen die Besuche bei ihr auf ein Minimum zu reduzieren bzw. ganz auszusetzen. Natürlich zerrte das an den schwachen Faden ihrer Zuneigung und schließlich fing sie an sich mit ihm auszusprechen. Dabei erkannte er wie sehr sie das Ganze eigentlich mitnahm und sagte diese vier verfluchten Worte, die sein Herz in tausend Teile zersplitterte. Aber er musste es tun. Sie sollte nicht unter ihm leiden, ihr Sohn sollte nicht unter ihm leiden.

“Wir sollten uns trennen.”

Ausdruckslos und emotionslos nach außen sprach er das aus, was für ihn als das Beste erschien. Sie sollte einen Anderen finden, einen Besseren, jemand mit dem sie glücklich würde und nicht jemanden wie ihm. Er war bereit seine Liebe ziehen zu lassen, bereit das Opfer zu bringen und nicht mehr in ihre strahlende braune Augen zu schauen, ihr unvergleichliches Lächeln nie mehr wieder zu sehen und nie wieder ihren Geruch in sich aufzunehmen. All das wollte er in Kauf nehmen, um ihr ein besseres Leben zu geben.

Während er sich erklärte, fing sie zu schluchzen an. Er drehte sich um, damit er ihre Augen und die Tränen nicht sehen muss und selber seine Fassung waren konnte.

Er kam sich vor wie ein Idiot. Dieser heroische Mist konnte auch nur von ihm kommen. Immer an sich denken und trotzdem die Schuld für alles geben. Er hätte einen perfekten Märtyrer abgeben können.

Nachdem er mit seinen Ausführungen fertig war, sammelte er die Klamotten und Hygiene-Artikeln, die er bei ihr lagerte ein, steckte sie in seinen Rucksack und ging wortlos aus ihrer Wohnung.

Es fing mit Regen an.

“Gott wie klischeehaft.”, dachte er sich und ließ das Wasser unbekümmert auf seinen Kopf tröpfeln, “Wenn jetzt noch irgendeine Schnulzenmusik im Hintergrund läuft, könnte man meinen ich sei in einen schlechten Hollywood-Film.” Mit diesen Gedanken zog er sein Handy aus seiner Jacke, machte das integrierte Radio an und lauschte beim Gehen den Klängen von “Echt” mit “Sag mal weinst du?”

Er fing an zu heulen. Es scheint, als ob seine ihm selbst auferlegte Bürde sei für immer und ewig alleine zu sein. Er würde das Beste daraus machen. Er musste das Beste daraus machen. Eine Alternative sah er nicht.

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