Bestimmung

Irgendwie die Fortsetzung von “Der Tod”

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Noch ein letztes Mal schaut er in sein Buch. Ein letztes Mal überprüfte er die Flaschen. Noch einmal schaute er nach seinem Zauberstab. Er war bereit.

Lange musste er üben, viele Entbehrungen auf sich nehmen und auch das eine oder andere Risiko um seine Gesundheit und die anderer Menschen. Aber er hatte alles geschafft, alle Hindernisse überwunden. Jetzt war es soweit.

Er zog sich seine Stiefel an und nahm den Wollmantel vom Haken, öffnete die Tür und ging los. Zum Ort der alten Geschichten. Zum Ort der Erkenntnis. Zum Ort der Magie. Nach Stonehenge.

Die alten Steine, die Monolithen würden ihm helfen sein dunkles, unheiliges Ritual zu vollziehen. Sie würde da auf ihn warten. So, wie sie es ausgemacht haben. Sie würde dort sein und er würde sie retten. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt zum heiligsten und unheiligsten aller Orte.

Nach einer Tagesreise sah er am Horizont die konzentrisch angeordneten Steinkreise. Und davor war sie. Sie sah schwach aus. Lange würde sie wohl nicht mehr durchhalten. Er musste sich beeilen. Er ritt zu ihr und sprang noch halb im Galopp befindet vom Pferd. Er küsste sie.

Der Zauberer drückte sie weg. Gerne hätte er sie noch länger geküsst, aber er musste sich beeilen. Er holte sein Buch hervor, schlug eine Seite ziemlich am Ende auf und legte das Buch auf einen umgestürzten Monolithen. Aus seinem Gürtel zog er zwei Flaschen. Mit der einen tränkte er den Stein blutrot, mit der Anderen Sie, ebenfalls in rot. Sie legte sich, wie er ihr sagte, auf den blutroten Stein.

Dann sprach der Zauberer die mächtigen Worte: “Keltar insra karero mil! Tras tiu hor! Purs bem ataro!” Während er sie sagte zeichnete er mit dem Inhalt der Flaschen Runen auf den Monolithen. Und mit jeder Silbe, die er aussprach leuchtete eine dieser Runen.

Dann plötzlich, er hatte die letzte Silbe ausgesprochen, wurde es totenstill. Der Himmel verdunkelte sich und es wurde nebelig. Eine Gestalt schritt aus dem Nebel hervor. Sie hatte einen schwarzen Mantel mit einer ebenso schwarzen Kapuze an. Die Kapuze ist tief nach unten gezogen, so dass man das Gesicht nicht erkennen konnte. In der rechten Hand trug die Gestalt eine Sense. “Nun, hier bin ich.”, sagte die Gestalt in einer monotonen Stimmlage, “Was willst du?”

Der Zauberer blickte die Gestalt an und schluckte, doch mit einem Blick auf seine, jetzt bewusstlose Liebe auf dem Stein, schenkte ihn wieder neuen Mut. Er sprach: “Ich will sie retten! Sie darf noch nicht sterben! Das erlaube ich nicht! Du sollst sie in Ruhe lassen!”

Die Gestalt blickte seine Liebe auf dem Stein an und schien für einen kurzen Moment lang geistig ganz woanders gewesen zu sein. Dann antwortete sie, in der gleichen monotonen Stimmlage, wie vorher: “Du weißt ganz genau, dass es so sein soll. Lege dich nicht mit dem Schicksal an!”

“Du kannst mich nicht umstimmen, Schnitter!”, schrie der Magier und verpasste der Gestalt einen Feuerball vor die Füße. Diese wich zurück und sagte, wieder monoton: “Es kommt, wie es kommen muss. Du kannst daran nichts ändern.”

Sie nahm ihre Kapuze ab. Nichts konnte ihn mehr erschrecken, als das, was unter der Kapuze war. Da war kein Totenschädel, keine Dämonenfratze, kein Teufen, nein, darunter war er. Sein Gesicht war zu sehen und kein anderes.

“Was ist das für eine Hexerei?”, fragte er oder vielmehr schrie er. Er konnte es nicht fassen. Die Gestalt, verzog keine Miene und man konnte auf ihren Gesicht keine Emotion erkennen. Sie antwortete: “Keine Magie, nur die reine Wahrheit. Du wirst mich hier und heute besiegen. Du besiegst den Tod. Das Gesetz des Lebens erfordert es aber, dass es einen Tod geben muss. Diesen Platz wirst du einnehmen, für alle Zeiten, in der Zukunft, der Gegenwart und auch Vergangenheit. Du wirst der erste Tod sein und der letzte.”

“Monster! Niemals!”, fauchte der Magier. Er nahm seinen Zauberstab und sprach die mächtigsten Worte, die er kannte. Ein kurzer schmerzerfüllter Schrei kam von der Gestalt, die er sein soll, und viel tot zu Boden.

Er lächelte, so hatte er doch geschafft, was nicht viele geschafft hatten. Er hatte den Tod besiegt. Und das als Sterblicher. Eine Leistung, für die er durchaus stolz sein konnte. Er blickte sich um. Der Nebel war seltsamerweise noch da.

“Folge deiner Bestimmung!”, kam es von einer Stimme irgendwo aus der Ferne.

Er drehte sich um. Suchte nach der Stimme, aber es war nichts von ihr zu sehen. Er musste weg. Er nahm seine Liebe auf seine Arme und rannte außerhalb des Steinkreises zu seinen Pferd. Er versuchte es zu mindest. Er kam nicht aus dem Steinkreis raus. Eine unsichtbare Mauer hinderte ihn daran. Dann passierte es.

Ein kurzer Schmerz lies ihn die eine Frau fallen lassen und in die Knie gehen. Sein Mantel wurde dunkler und schwärzer. “Nein, argh!”, keuchte er, als der nächste Schmerz kam. Seine Haut wurde bleicher. “Nein.”, seine Stimme war monoton. In der rechten Hand manifestierte sich ein Sense, in der Linken ein Stundenglas. Ihr Stundenglas.

Er blickt auf das Glas und dann zu Boden zu seiner Liebe. Er begann sich zu erinnern, dass er ihre Seele genommen hat, in der Zukunft. Der Tod lies sich nicht aufhalten.

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