Der Spiegel im Bad (2)

Frank stellte die Dusche ab, stieg aus der Wanne, nahm ein blaues Handtuch vom Schrank und trocknete sich damit ab.

Es ist soweit.

Er wusste, dass er sich nun umdrehen musste, einen Blick zu seinem ärgsten Feind werfen. Er wusste, dass ihm bei diesem Typen das kotzen kam, aber dennoch. Er musste vorzeigbar sein. Musste nach außen hin zeigen, dass er in Ordnung war, dass er funktionierte.

Frank drehte sich um und blickte zum Spiegel im Bad. Er hasste sich. Er hasste sein Spiegelbild, hasste sein Fresse, sein Sein. Aber er muss funktionieren. Muss vorzeigbar bleiben, muss so tun, als sei alles in Ordnung.

Nach ein paar Sekunden des Anstarrens, nahm er den Rasierschaum und schmierte sich den Kram ins Gesicht. Danach führte er die Hand zum Rasierer hob ihn hoch, betrachtete vielleicht eins, zwei Sekunden lang die Klinge und überlegte sich, wie es wohl wäre.

Ein Schnitt an der richtigen Stelle und die Welt kann mich mal.

Er schüttelte die Gedanken weg und fing an, sich zu rasieren.

Danach kam Frank aus dem Badezimmer, ging dabei an seinen beiden Wellensittichen – vermutlich seine einzigen wirklich dauerhaften Begleiter in seinem Leben – vorbei.

Wenigstens die Beiden verlassen mich nie.

Es war kurz nach zwei, mitten in der Nacht und Morgen musste er wieder früh aufstehen. Also legte er sich zu Bett, damit er wenigstens nicht ganz wie eine Leiche aussah. Man sollte ihm seine Probleme nicht ansehen. Er musste funktionieren.

Er legte sich ins Bett und weinte sich langsam in den Schlaf…

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