Der Spiegel im Bad (6)

Franks Abschiedsbrief:

Hallo,

was schreibt man in dem Moment seines herannahenden Selbstmordes? Lebt wohl? Trauert nicht um mich?

Es erscheint mir sinnlos solche Floskeln zu benutzen.

Ich kann nicht sagen, dass das eine Kurzschlusshandlung ist. Oder ist Selbstmord immer eine Kurzschlusshandlung? Egal. Ich habe schon seit vielen Jahren darüber nachgedacht. Meist eher überlegt, wie es wohl wäre, nicht mehr hier zu sein und nicht an die Aktion an sich. In letzter Zeit aber beobachte ich häufiger bei mir, dass ich diese Gedanken habe.

Ich gehe über die Straßenbahnschienen, sehe die Straßenbahn auf mich zukommen und denke: “Bleib stehen.” Ich stehe auf dem Balkon und überlege: “Spring.” Ich habe ein Messer in der Hand und denke: “Stich.”

Das Erschreckende an der ganzen Sache ist, dass ich das nüchtern betrachte. Ich denke nicht daran, wie traurig mein Leben doch ist, wie beschissen, wie mies. Ich denke einfach nur. “Jetzt kannst du dem ein Ende setzen.” Völlig ohne jegliche Emotion. Ruhig und gelassen. Ich glaube wirklich, dass ich den Zeitpunkt erreicht habe, an dem mir mein Leben völlig egal ist. Das ist erschreckend und seltsam und positiv. Ich kann mir nicht mehr wehtun. Ich bin mir ja egal. Ein durchaus interessantes Gefühl.

Doch irgendwie wird von einem erwartet, dass man seine Selbstmordgründe darlegt. Was soll ich sagen? Mein Leben ist scheiße. Ich wünsche mir seit vielen, vielen Jahren einfach nur jemanden, an dem ich mich anlehnen, den ich vertrauen, den ich lieben kann. Das ist mir aber leider nicht vergönnt. Drum erscheint es logisch, dass ich mich umbringe.

Ich glaube sogar, dass ich unfähig bin zu leben. Ich kann überleben und das gut. Aber leben? Das war mir nie vergönnt.

Mehr fällt mir nicht ein. Mehr gibt es nicht zu sagen. Ich bin tot. Vorrausichtlich, wenn ich nicht irgendeinen Mist gemacht habe.

Oh, wenn ihr nur wüsstet, was den lieben langen Tag in meinen Kopf vorgeht. Ihr würdet euch sicher fragen, warum ich mich nicht schon eher umgebracht habe. Alle Belastung. Alles auf meinen Schultern. Das hält niemand lange aus und ich tue das nun mittlerweile seit fast 12 Jahren. Es wird denke ich Zeit sich von dieser Last zu lösen. Der Weg eines Feiglings. Das bin ich. Ich habe Angst vorm Leben, vor meinen Leben.

Wäre es taktlos als letzten Gag “Auf Wiedersehn” zu schreiben?

Egal. Mein Abschiedsbrief. Meine Formulierungen.

Auf Wiedersehn

Frank

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